Axel Buether: Evidenzbasierte Farbgestaltung

Industriemessen rund um die Welt belegen die stetig wachsende Bedeutung des Farbdesigns, das immer häufiger zum entscheidenden Verkaufsargument wird. Wo sich die technischen Spezifikationen von Produkten annähern, bietet das Farbdesign einen Weg zur Individualisierung. Hochwertiges Farbdesign steigert die Attraktivität, Wiedererkennbarkeit und Aussagekraft von Produkten aller Art. Damit steigt auch die Notwendigkeit evidenzbasierter Farbgestaltung, denn durch die Produktion, Lagerhaltung und den Vertrieb von Industrieprodukten entstehen den Unternehmen hohe Kosten. Ästhetische Konzepte müssen nicht mehr nur durch gestalterische Argumente, sondern durch Vergleichsanalysen und Forschungsergebnisse belegt werden. Was für Industrieprodukte gilt, gewinnt zunehmend auch für die Raumgestaltung an Bedeutung. Ein geeignetes Ambiente kann entscheidend zum Ziel der Nutzung beitragen und damit auch den Erfolg der Investition sichern. Fehlentscheidungen können das Gegenteil bewirken, was der Farbgestaltung große Verantwortung auferlegt, die sich in der öffentlichen Wertschätzung und dem Planungshonorar widerspiegeln muss. Was können Farbgestalter tun, um dieser Verantwortung gerecht zu werden? Wie können wir die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit einer evidenzbasierten Farbgestaltung überzeugen und damit die Grundlage auskömmlicher Planungshonorare schaffen?

Kurzvita Prof. Dr. Axel Buether
Handwerksausbildung zum Steinmetz; Studium der Architektur in Berlin und London; Realisierung zahreicher Projekte in Architektur, Design und Medienkunst;

Promotion im Grenzbereich von Neuropsychologie und Gestaltung zum Thema „Semiotik des Anschauungsraums – Die Bildung der räumlich-visuellen Kompetenz“; Autor zahlreicher Publikationen wie „Farbe – Entwurfsgrundlagen Planungsstrategien visuelle Kommunikation“;

seit 2006 Vorsitz „Deutsches Farbenzentrums – Zentralinstitut für Farbe in Wissenschaft und Gestaltung“, Ausrichtung von Fortbildungen, Fachkonferenzen und Wettbewerben, Herausgeber Bildungsplattform colour.education und Mitherausgeber Wissenschaftliches Journal colorturn.net;

2006–2012 Professur an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle (Saale) im Lehrgebiet „Farbe Licht Raum“;

2012 Ruf auf die Professur „Kreativität und Wahrnehmungspsychologie“ der Hochschule Hannover

2013 Ruf auf die Pro­fes­sur „Gestal­tung und Gestal­tungs­theo­rie“ der Uni­ver­si­tät Sie­gen

seit 2012 Professor an der Bergischen Universität Wuppertal für das Lehrgebiet „Didaktik der Visuellen Kommunikation. 2012 Gründung Forschungslab „Farbe Licht Raum“; Empirisches Farbdesign in den Bereichen Produkt, Bildung und Gesundheit.

Studio Besau-Marguerre: Die Umkehrung des White Cube

Die Umkehrung des White Cube vs. drei markante Farben
Elbphilharmonie vs. About You

Zwei Projekte eine Haltung – Wir sind Produktdesigner, Interior Designer, Stylisten und Visual Merchandiser. Wir denken von der Form und Funktion bis zur Farbe und Materialität, immer das Projekt und das große Ganze im Auge. Dabei begleiten uns grundlegende Fragestellungen:

Wie erleben wir Objekte und Raum?
Wie interagieren wir mit ihnen?
Wie benutzen wir sie?
Wie erinnern wir uns an sie?  

Wir geben Einblicke in unsere beiden Hamburger Interior Projekte. Der Möblierung der Elbphilharmonie, dem neuen Ort der Musik, in einem bemerkenswerten Gebäude von Herzog & De Meuron, sowie der Möblierung des Hamburger Fotostudios von About You, einer jungen und quirligen Modemarke.

Projekt: About You Interior Fotostudio
Konzept und Umsetzung: Studio Besau-Marguerre
Zeitraum: März bis Oktober 2017
Photo: Silke Zander www.silkezander.de

Markus Schlegel: System Color Codes – Hildesheimer Modell

Der Titel widmet sich einem Thema welches in der Wissenschaft seit spätestens dem 18. Jhdt. auf der Tagesordnung steht. Nämlich dem Drang, unabhängig von Subjektivem, den Weg zu objektiver Erkenntnis und Wissen zu gehen. Dieser Ansatz läuft auf die wie auch immer geartete Messung von Farbe und Wahrnehmung, auf Experimente und forschende Beobachtung mit objektivierbaren Instrumenten hinaus. Auch die Farbgestaltung steht somit wie vieles in der Gestaltung unter Beweispflicht. Was ist der objektive Wert von Farbe in der Gestaltung? 

„System ColorCode“ wagt den Ansatz das vielschichtige Thema Farbe in der Konzeption, der (forschenden) Gestaltung, Betrachtung und Bewertung zu systematisieren. Größen wie zum Beispiel der monetär, ideell oder technisch messbare Wert einer Farbe sind oft wenig greif- und vergleichbar aber Teil des Systems. Farbe als visuelle, kulturelle und ästhetische Codierung, als Leseebene für Natur, Stadt, Raum, Produkt, Objekt und Kommunikation ist schier unendlich und nach unserer Auffassung in den Grundzügen dennoch strukturier- und decodierbar und somit qualitativ bewertbar.

Der Ansatz „System ColorCode“ geht davon aus, gestalterische Prozesse und Einstellungen bezüglich Farbwirkung auf uns Betrachter ein Stück weit methodisch und strategisch steuerbar zu machen. Ziel ist, das, was tatsächlich objektiv bewertbar ist oder zu sein scheint, für Lehre und Wissenstransfer als System herauszuarbeiten um damit zukünftige ColorCodes bewusst und sicher einzustellen zu können.

Der Beitrag soll als Auftakt zur Tagung mit dem Titelt >> the value of color << Positionsbestimmung, Aushandlung zur Sprachregelung, pragmatische Denkmodelle und praktische Wege zu möglichen Bewertungsmaßstäben über systematische Farbgestaltungsprozesse aufzeigen. Das Hildesheimer Modell zeigt dabei anschaulich wesentliche gestalterische Anwendungsfelder und darin erprobte Farbstrategien. 

Kurzvita

Markus Schlegel ist ordentlicher Professor für Farb- und Architekturgestaltung sowie Projektentwicklung Farbe an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. 2004 gündet er das Institute International Trendscouting an der HAWK Fakultät Gestaltung mit Schwerpunkt Zukunftsforschung in der Gestaltung. Seit 2008 ist er aktives Mitglied des Dekanats als Studien- und Prodenkan. Neben Industriecoaching und Farbforschung konzipiert und kreiert er in diesem Zusammenhang Kollektionen, Farb- und Materialkonzepte für Innenräume und Fassaden sowie Farbmasterpläne. Er ist Mitinhaber des Designbüros ColorConcepLab und Kurator des Deutschen Farbenzentrums eV. und vertritt dort das Resort Zukunftsforschung Farbe. Schlegel ist in viele unterschiedliche Projekte involviert, hält Vorträge und veranstaltet Weiterbildungskurse, ist Jurymitglied von mehreren Wettbewerben und Verfasser zahlreicher Publikationen, stets zum Thema Farbe und Materialität in der Architektur und der Zukunftsforschung.

Jörg Niederberger: Kunst Farbe Poesie

Kunst – und im Zusammenhang mit Architektur kann dies Farbe sein – weckt Sinnlichkeit.

Das linear logische Verständnis rückt in dieser Umgebung in den Hintergrund und schenkt dem Raum, was das Herz direkt anzusprechen vermag.

Farbe ist die poetisch kongruente Komponente bei Bauten, die man als nutzbare Plastiken begreifen kann. Neben dem Zweck, der unterschiedlichsten Ansprüchen und Verwendungen zu dienen hat, wirken die Farbsetzungen und -konzepte, seien sie industriell oder manuell hergestellt, sinnlich auf die emotional gestimmten Gemüter der Menschen, denen die Gebäude förderliche Umgebungen sein sollen. Innen wie außen.

Farbe & Bau-Projekte, als nicht artifizielle Farb- und Formgestaltungen, sind sinnlich komplexe Interaktionen von Kunst in gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Ausgehend von der Kunst, wird im Vortrag die Intention der Position der Farbe erörtert und mittels Beispielen aus der Praxis deren unterschiedlichen Einsatzorte aufgezeigt.

Martin Benad: Gebautes farbig zu Ende empfinden

Wie Farbigkeit das Wahrnehmen von Architektur verändert.

Farbigkeit ist eine mächtige Brücke der Weltbegegnung. Zum einen unterstellen wir intuitiv jeder farbigen Erscheinung, dass sie Ausdruck eines Wesenhaften ist, das sich in ihr abbildet und dem wir im Akt des Wahrnehmens begegnen.

Zum andern überschreitet das Wahrnehmen von Farbklängen oder Farbstimmungen durch sich selbst schon die Grenze zwischen Subjekt und Objekt. Sich auf die Farbigkeit einer Umgebung einzulassen heißt zugleich, gemüthaft an dieser Umgebung teilzunehmen.

Gebautes ist für das Erlebnis nur in einem sehr geringen Umfang physischer Natur, auch wenn alles, was an einem Gebäude sinnlich erfahren wird, einen Bezug zum physischen Baukörper hat. In einem Gebäude sind beispielsweise die kulturellen Ideale eines Bauherrn unmittelbar erfahrbar, oder aber sein auf rein wirtschaftliche Überlegungen reduzierter Entscheidungshorizont. Die Unsicherheit oder Überheblichkeit eines Architekten kann genauso spürbar sein wie seine den dort lebenden Menschen entgegengebrachte Wertschätzung und Einfühlung. Gebautes kann sich als serielles Raster zeigen, tot, monoton, ohne Bezug zum Lebendigen. Es kann aber auch im belebten Rhythmus erscheinen als melodisch-harmonisches Auf- und Abschwingen. Gebautes kann wahrgenommen werden als sei es behindert, autistisch oder verwaist und ungeliebt. Auf der anderen Seite kann es zugewandt, gesund, vertraut, stimmig, stark und stärkend erscheinen.

Farbigkeit hat einen immensen Anteil daran, wie Menschen Architektur er-leben, das heißt: wie Architektur in ihr Leben tritt und es bereichert oder verödet. Der Farbgestalter Friedrich Ernst v. Garnier formuliert den Anspruch an seinen Beruf mit den Worten: „Gebautes farbig zu Ende empfinden“. Martin Benad interpretiert in seinem Vortrag dieses Zitat anhand zahlreicher Beispiele. Im Mittelpunkt steht dabei die Phänomenologie des Wahrnehmens.

Martin Benad führt seit 1996 zusammen mit seiner Frau Ursula das Münchner Atelier Benad, dessen Arbeitsschwerpunkte Farbenplanung, Wandmalerei und Weiterbildung sind. Martin Benad ist Autor bzw. Co-Autor von 16 Büchern zu den Themen Farbgestaltung und Farbenplanung, Wandmalerei und Gestaltungstechniken.

Ralf Buchholz: Farbe als Archiv

Farbe als Archiv – Vom Umgang mit Farbigkeit in der Restaurierung

Restauratoren sehen Farbe und Farbigkeit, wenn sie historisch überliefert ist, auch als Informationsträger und als Wissensspeicher, als Quelle von technologischer und materialtechnischer Herstellungsweise und als Überlieferung der ursprünglichen, wenn auch bereits veränderten, Farbwirkung. Farbe ist für die Restaurierung ein Werkstoff, Farbstoff auf Holz oder einfach eine Mischung aus Pigmenten und Bindemitteln. Dies charakterisiert den Umgang mit Farbigkeit oder Farbkonzepten und gibt Hinweise bei der Inszenierung der Geschichte, also der Interpretation von Farbbefunden und Farbveränderungen bei Restaurierungskonzepten und den dann auszuführenden Restaurierungen sowie bei Neufassungen oder Rekonstruktionen.

Fallbeispiele aus der Restaurierungsgeschichte und Praxisbeispiele der aktuellen Denkmalpflege zeigen Vorgehensweisen und den Umgang der Restauratoren mit diesem Archiv und Erbe auf.

    • Dr. Dipl.-Rest. Ralf Buchholz, HAWK Hildesheim

    • Tischlerlehre, 4jähriges Museumsvolontariat Germanischen Nationalmuseum Nürnberg
    • Seit 1992 Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Möbelrestaurierung an der HAWK
    • 2001 Diplomarbeit über die „Entwicklung und Geschichte der synthetischen Holzbeize“
    • Ehrenamtliches Engagement im Verband der Restauratoren (VDR)
    • Autor zahlreicher Publikationen, u.a. „Vom Färben des Holzes. Holzbeizen von der Antike bis in die Gegenwart“, „Schokowood“ oder „Restaurierung und Öffentlichkeit“

2015 Promotion an der Universität Hamburg über „Eingedrückte Streifen – Ein Gestaltungsmittel auf Holzoberflächen zwischen 1450 und 1600“, Buchveröffentlichung