Martin Benad: Gebautes farbig zu Ende empfinden

Wie Farbigkeit das Wahrnehmen von Architektur verändert.

Farbigkeit ist eine mächtige Brücke der Weltbegegnung. Zum einen unterstellen wir intuitiv jeder farbigen Erscheinung, dass sie Ausdruck eines Wesenhaften ist, das sich in ihr abbildet und dem wir im Akt des Wahrnehmens begegnen.

Zum andern überschreitet das Wahrnehmen von Farbklängen oder Farbstimmungen durch sich selbst schon die Grenze zwischen Subjekt und Objekt. Sich auf die Farbigkeit einer Umgebung einzulassen heißt zugleich, gemüthaft an dieser Umgebung teilzunehmen.

Gebautes ist für das Erlebnis nur in einem sehr geringen Umfang physischer Natur, auch wenn alles, was an einem Gebäude sinnlich erfahren wird, einen Bezug zum physischen Baukörper hat. In einem Gebäude sind beispielsweise die kulturellen Ideale eines Bauherrn unmittelbar erfahrbar, oder aber sein auf rein wirtschaftliche Überlegungen reduzierter Entscheidungshorizont. Die Unsicherheit oder Überheblichkeit eines Architekten kann genauso spürbar sein wie seine den dort lebenden Menschen entgegengebrachte Wertschätzung und Einfühlung. Gebautes kann sich als serielles Raster zeigen, tot, monoton, ohne Bezug zum Lebendigen. Es kann aber auch im belebten Rhythmus erscheinen als melodisch-harmonisches Auf- und Abschwingen. Gebautes kann wahrgenommen werden als sei es behindert, autistisch oder verwaist und ungeliebt. Auf der anderen Seite kann es zugewandt, gesund, vertraut, stimmig, stark und stärkend erscheinen.

Farbigkeit hat einen immensen Anteil daran, wie Menschen Architektur er-leben, das heißt: wie Architektur in ihr Leben tritt und es bereichert oder verödet. Der Farbgestalter Friedrich Ernst v. Garnier formuliert den Anspruch an seinen Beruf mit den Worten: „Gebautes farbig zu Ende empfinden“. Martin Benad interpretiert in seinem Vortrag dieses Zitat anhand zahlreicher Beispiele. Im Mittelpunkt steht dabei die Phänomenologie des Wahrnehmens.

Martin Benad führt seit 1996 zusammen mit seiner Frau Ursula das Münchner Atelier Benad, dessen Arbeitsschwerpunkte Farbenplanung, Wandmalerei und Weiterbildung sind. Martin Benad ist Autor bzw. Co-Autor von 16 Büchern zu den Themen Farbgestaltung und Farbenplanung, Wandmalerei und Gestaltungstechniken.